Der Junge und der Reiher (2023)

Kimitachi wa Dou Ikiru ka / 君たちはどう生きるか

Informationen

Inhaltsangabe

Im Jahr 1943, während des Pazifikkrieges, verliert Mahito seine Mutter bei einem Luftangriff auf Tokio. Sein Vater, der Leiter einer Munitionsfabrik, heiratet daraufhin die schwangere Schwester seiner verstorbenen Frau. Die Familie flieht aufs Land, wo Mahito sich schwer in die neue Umgebung integrieren kann. Nach einem Streit in der Schule und einem seltsamen Treffen mit einem sprechenden Graureiher erfährt er von einem geheimen Turm im Wald, in dem seine Mutter noch am Leben sein soll. Getrieben von der Hoffnung, sie zu retten, wagt Mahito den Eintritt in den Turm und findet sich in einer Welt voller Magie wieder. Wird Mahito seine Mutter wiedersehen?

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Avatar: Mimi90#1
"Der Junge und der Reiher" von Hayao Miyazaki gewann 2024 den Oscar für den besten animierten Spielfilm. Doch ich habe, bevor ich den Film angeschaut habe, sehr verschiedene Meinungen über diesen Film gehört. Von "Meisterwerk" bis "eine Tortur" war da alles an Ansichten vertreten. Und ich muss sagen: So zwiespältig die Meinungen bei "Der Junge und der Reiher" sind, so schwer fällt es auch mir, den Film zu bewerten...

1943 in Tokio: Der Junge Mahito verliert während des Krieges seine Mutter, da das Krankenhaus, in dem sie liegt, Feuer fängt. Dieser Verlust traumatisiert ihn völlig.
Mahitos Vater heiratet seine Tante Natsuko. Von nun an lebt Mahito auf deren Anwesen in einer ländlichen Umgebung. Gefallen tut es Mahito dort nicht, zumal er in der Schule unbeliebt ist.
Außerdem ist da noch ein äußerst merkwürdiger, sprechender Graureiher, der behauptet, Mahitos Mutter wäre noch am Leben- und ein geheimnisvoller Turm, der in eine andere Welt führt...

Gleich vorweg: Die visuellen Schauwerte sind, wie man es bei einem Film von Hayao Miyazaki erwartet, bezaubernd. Der Zeichenstil, die flüssigen Animationen, die Farben, die hübschen Schauplätze- da stimmt einfach alles! Kombiniert mit der wunderschönen, sanften Musik von Joe Hisaishi denkt man sich beim Anschauen wirklich oft: "Was für eine Pracht!"
Wenn ich was kritisieren müsste, dann höchstens, dass ich mich doch öfter mal an andere Ghibli-Filme erinnert fühlte (zum Beispiel erinnerten mich einige Szenen sehr an "Das wandelnde Schloss").
Aber wie gesagt: Künstlerisch kann man echt nicht meckern!

Leider ist die Story aber sehr abstrakt und wenig zugänglich. Der Film beginnt als realistische Alltagsgeschichte (diesen Teil des Films fand ich recht langatmig), driftet aber nach einer halben Stunde ins Bizarre ab. Das ist natürlich Geschmackssache und wer es liebt, zu interpretieren, hat bei "Der Junge und der Reiher" sicherlich viel Freude. Mir persönlich war es doch zu sonderbar und ich hätte mir eine nachvollziehbarere Geschichte gewünscht.
Hinzu kommt noch, dass mich der Schluss enttäuscht hat. Das Ende ist dermaßen abrupt, dass ich wirklich dachte: "Hä, das war es? Da kommt jetzt echt nichts mehr?"
Aber generell bleiben bei "Der Junge und der Reiher" leider viele Fragen offen.
Was sollte die Szene am Anfang, in der Mahito plötzlich mit Fröschen übersät ist?
Wieso ist Natsuko erst so freundlich zu Mahito, schreit ihn dann aber in einer Szene total an und meint, sie würde ihn hassen?
Wieso findet Mahito es überhaupt nicht merkwürdig, das jüngere Ich seiner Mutter zu treffen?
Und was hat Mahitos Trauer bezüglich seiner Mutter überhaupt mit diesem komischen Urgroßonkel zu tun, der einen Nachfolger suchte?

Auch mit den Charakteren tat ich mich teilweise schwer. So ist es mir irgendwie nicht gelungen, zu Mahito eine Bindung aufzubauen. Sein Trauma mit dem Verlust seiner Mutter ist vollkommen verständlich, aber irgendwie bleibt Mahito, obwohl er die Hauptfigur ist, passiv und fast schon leer. Umso geschockter war ich, als sich Mahito in einer Szene am Anfang des Films selbst verletzte, was für einen Ghibli-Film recht heftig aussah!
Ich weiß auch nicht so ganz, was ich von dem Reiher halten soll (den umgibt ein Geheimnis, welches ich an dieser Stelle nicht lüften möchte). Die Figur wirkt manchmal boshaft, aber manchmal auch fast mehr wie eine Lachnummer. Ich fand es auch ein bisschen seltsam, dass der Reiher einerseits meinte, er sei weder Mahitos Freund noch sein Verbündeter und er würde sogar sein Herz fressen wollen(!), dann allerdings hilft er ihm doch ständig.
Der Reiher ist allerdings bei Weitem nicht der einzige Vogel, der in diesem Film eine Rolle spielt. Bei "Der Junge und der Reiher" kommen (im wahrsten Sinne des Wortes) viele schräge Vögel vor.
Sehr gut gefallen haben mir in dem Film kleine, knubbelige Wesen, die "Warawara" genannt werden und so ein bisschen an die Baumgeister aus "Prinzessin Mononoke" erinnern. Leider mit zu wenig Screentime.

Fazit
Es fällt mir wahnsinnig schwer, diesen Film zu beurteilen. Er ist interessant, ja, aber für meinen Geschmack doch zu seltsam und zu wenig zugänglich. So schön die Bilder und die Musik auch sind: Wenn es um Filme von Hayao Miyazaki geht, wäre "Der Junge und der Reiher" bei mir doch relativ weit unten auf der Beliebtheitsskala.
Aber wie gesagt: Dies ist ein Film, der sehr unterschiedliche Meinungen hervorruft und daher muss sich wirklich jeder Zuschauer ein eigenes Bild von ihm machen (das trifft natürlich auf jeden Film zu, auf so einen speziellen aber ganz besonders).
Insgesamt könnte man wohl abschließend sagen: Ein sehr eigenwilliges Kunstwerk!
Beitrag wurde zuletzt am 01.11.2024 20:52 geändert.
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Avatar: AsaneKekssammler
V.I.P.
#2
Das ist nun schon das zweite Mal, daß ich mit einem Ghibli-Film aus der Hand von Miyazaki fremdele. Das erste Mal war »Kaze Tachinu«, wo mir das typische Artwork zusammen mit dem typischen Charakterdesign, das Miyzaki praktisch seit Mitte der 80er Jahre unverändert kultiviert, dem Stoff nicht angemessen erschien. Ähnlich wie hier, wobei allerdings die Geschichte früh genug ins ebenso Miyazaki-typische Reich einer märchenhaften Fantasy abbiegt, so daß das nicht so sehr ins Gewicht fällt. Und mit "Miyazaki" meine ich in der Tat Hayao Miyazaki, nicht Gorou, dessen oft als "misslungen" apostrophierter Versuch über »Gedo Senki« ich höher einschätze als das hier vorliegende Alterswerk des Vaters.

In künstlerischer Hinsicht ist dieser Film beeindruckend und berauschend, wie eigentlich immer bei Ghibli. Stellenweise sogar full animated, mit wunderbar geschmeidigen Bewegungen, mit stimmigem Timing sowieso. Aber auch bei Studio Ghibli hat man mitunter Schwierigkeiten, die immer recht einfach gezeichneten Charaktere mit den Hintergründen in Einklang zu bringen. Leserichtung ist übrigens wie meist zu dieser Zeit von rechts nach links. Als Seiyuu hat man Sprecher gewählt, die überwiegend aus der Filmbranche kommen, was der Atmosphäre dieses Werks sehr zugute kommt, da so von vornherein jede animetypische Über- und Angespanntheit vermieden und ein eher geerdetes Verhältnis zur Realität erreicht wird.

Was in einem anständigen Ghibli-Film von Miyazaki auch nicht fehlen darf, ist der immer etwas hintergründige Humor, der mal ins Heiter-Verschmitzte, mal ins karikaturenhaft Persiflierende ausschlägt. Gern bei Massenszenen und Menschenansammlungen, aber natürlich auch bei allem, was mit Militarismus (Gruß von "Girls & Panzer") und Untertanengeist zu tun hat. Seltsamerweise ist es genau dieser Humor, der dem Film fast das Genick bricht. Dazu gleich mehr.

Ein weiterer Punkt, wo ich sehr fremdele, und damit bin ich weißgott nicht allein, liegt in der Natur des Protagonisten. Menschlich gesehen ist absolut klar, was Mahito zu diesem Verhalten treibt; zumal Selbstbeherrschung das Gebot der Stunde ist und das Zeigen von Emotionen im Land der aufgehenden Sonne fast schon einem Tabubruch gleichkäme, jedenfalls bei Jungs in jener Zeit. Wie anders sich ein Werk von Miyazaki anfühlt, sobald ein Mädchen das Heft in die Hand nimmt, sieht man ja beispielsweise bei Kiki, bei Chihiro und hier bei der patenten und doch überaus herzlichen Himi. So jedoch dauert es über eine Viertelstunde, bis Mahito mehr als ein Wort am Stück rausbringt. Ganz davon abgesehen – und das ist der zweite große Kritikpunkt an der Figur Mahito – daß er locker 15 Jahre älter klingt als er aussieht. Bei derartigen Inkonsistenzen passt es auch gut ins Bild, daß bei seiner kleinen Kopfverletzung ganz animetypisch gleich anderthalb Liter Blut fließen müssen, dick und sämig. Sowas sollte Ghibli eigentlich nicht nötig haben. Bis dahin besteht Mahito für den Zuschauer eigentlich nur aus emotionsreduzierter Reserviertheit bei vorbildlichen Umgangsformen, gleichermaßen höflich und entschlossen. Er redet allerdings keineswegs wie ein normaler Zwölfjähriger, und er handelt auch nicht wie ein Zwölfjähriger.

Was die Storyline des Filmes prägt, sind die, salopp ausgedrückt, zahlreichen Eskapaden durch allerlei magische Fantasysettings, durch Parallelwelten und Isekais. Das narrative(!) Prinzip, das hier waltet, lässt sich zusammenfassen mit "Beliebigkeit". Bevor die Ghibli-Jünger entsetzt aufschreien: das meint nicht, daß der Sinn und vor allem die Symbolkraft all dieser Dinge und Orte, die hier inszeniert werden, nicht erkennbar wäre, das meint lediglich, daß die erzählte Geschichte, an die sich all das klammert, in all ihrer inhärenten Logik erst einmal für sich stehen und in sich stimmig sein sollte, bevor man, darauf aufbauend, symbolische Zeichen setzt. Das sehe ich hier als nicht gegeben. Denn viel zu viel verdankt Mahitos abenteuerliche Reise allerlei Zufällen, viel zu oft wird der Moment der Vorsehung strapaziert, und viel zu oft geschehen Dinge, die nicht hinterfragt werden sollen oder dürfen (Warnungen davor, was man tun und was man besser lassen sollte, gibt es wie Sand am Meer, und jedesmal ohne jeden Anflug von Logik oder Evidenz).

Bei einem solchen Übermaß an magischen Wandlungen und bei dieser Vielzahl der verschiedenen Isekai-Schichten jedoch leidet insgesamt die Glaubwürdigkeit, da alles irgendwann beliebig scheint. Und dieser Film steigt viele Stufen hinab. Er überschlägt sich förmlich vor Phantastik. Und wenn man nicht weiter weiß, scheint man sich in comic relief zu flüchten, was dem beklagten Umstand ebenfalls nicht hilft. Damit also wieder zum Humor.

Will ein Anime seine Glaubwürdigkeit bewahren, sollten dramatische Wendungen und Entwicklungen nicht alle naselang von lustigen Einsprengseln aufgelockert werden. Vor allem dann nicht, wenn die Substanz, die Linie einer Erzählung nicht durchweg stabil und tragfähig ist und wenn die erstrebte Glaubwürdigkeit selbst schon auf einem schmalen Grat wandelt. Wie sowas am Ende ausgehen kann, zeigt sehr schön ein anderer Ghibli-Film, nämlich »Neko no Ongaeshi«, besser bekannt als das Königreich der Katzen. Gerät das rechte Maß aus den Fugen, läuft man Gefahr, daß die erzählerische Linie ständig aufgeweicht wird. Bis man das Ganze nicht mehr ernstnehmen mag.

Man könnte also einwenden, es fehle dem Film an einem schlüssigen Konzept, wie man all diese widerstrebenden Elemente unter einen Hut bringt. Und doch liegt ziemlich klar und offen zutage, daß er sein im Titel angesprochenes Thema "Ihr da, wie lebt ihr?" auf symbolischer Ebene virtuos und überzeugend umsetzt. Das schließt, will man dieses Werk als Miyazakis Schwanengesang begreifen, zahlreiche Referenzen an eigene Filme mit ein. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, alte Bekannte wiederzufinden. In den Warawara, in Himi, im Meer des Totenreichs. Und über allem die Frage, was der Mensch erstreben soll, was Bestand hat und wofür man leben will – wie in »Kaze Tachinu«.

Vieles auf dieser symbolischen Ebene bezieht sich auf den Buddhismus und das Konzept der Reinkarnation. Für den westlichen Zuschauer greifbarer sind allerdings die Zeichen und Hinweise, die sich auf die abendländische Kultur beziehen. Diesen dichten Hain aus Zypressen kennt der Kunstfreund vielleicht von Arnold Böcklins "Toteninsel", und diese Inschrift verweist auf Dantes "Inferno": "Fecemi la divina potestate" (Geschaffen hat mich die Allmacht Gottes). Und die Mahnung über dem Portal ワレヲ學ブ者ハ死ス ("Die mich erforschen, sind des Todes") hat doch einige Ähnlichkeit mit dem berühmten "Lasciate ogni speranza voi ch'entrate" (Die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren).

Der Film besteht also zu einem Großteil aus Symbolismus. Aber was nützt all der Symbolismus, wenn die Geschichte selber, die ihn transportieren soll, nicht trägt? Schließlich geht es beständig abwärts, in immer tiefere Schichten (des Bewusstseins), daß Siegmund Freud sicherlich ganz warm ums Herz würde. Aber »Kimitachi wa Dou Ikiru ka« wäre kein Miyazaki-Film, wenn nicht auch subtil zeitgemäße Themen aufgegriffen würden. Hier nun weniger eine um sich greifende Umweltverschutzung als gewisse um sich greifende gesellschaftliche Tendenzen. Allegorisch festgehalten im Volk der massenverführten Sittiche, die ihrem Führer-König treu ergeben sind. Die Ähnlichkeit des Emblems mit dem des deutschen Reichsadlers ist sicherlich kein Zufall. Die Aktion des Sittenkönigs Marke "tabula rasa" nach dem Vorbild des Gordischen Knotens sicherlich auch nicht.

Am Ende ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, Miyazaki habe diese phantastische wie löchrige Erzählung in erster Linie dafür in die Welt gesetzt, um all das zu thematisieren, was über die eigentliche Geschichte hinausweist – und als Kollateralschaden einen kleinen narrativen Scherbenhaufen hinterlassen; so ist es dennoch kein Fehler, sich diesen Film ein zweites oder drittes Mal anzuschauen. Und sei es nur als komprimierter Rückblick auf ein langes Schaffen, das seinen Niederschlag und Nachklang auch in diesem Werk findet.

Was allerdings die Verantwortlichen geritten hat, diesem Ghibli-Film das wohl hässlichste Cover aller Zeiten zu bescheren, wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben.
Beitrag wurde zuletzt am 04.10.2025 10:39 geändert.
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Avatar: 0niKeksnovize#1
Nach den ganzen Lobpreisungen bin ich von dem Film etwas enttäuscht, muss ich leider sagen. Visuell sicherlich eines der schönsten Werke unter dem Anime-Himmel, inhaltlich jedoch mager. Es ist einfach nur eine märchenhafte Geschichte. Mir fehlt die Dramatik, mir fehlen die Charaktere, die ich während der Spielzeit ins Herz hätte schließen können. Dieser Film konnte mich leider nicht bewegen, nicht berühren. Das kann Ghibli besser. Chihiros Reise, die letzten Glühwürmchen, Erinnerungen an Marnie. Nur um ein paar Beispiele aus den verschiedenen Jahrzehnten des Bestehens des Studios zu nennen.
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Avatar: Hio#2
Ich hatte das Glück, mir den Film am Tag der Veröffentlichung in einem Kino in Japan anzuschauen. Als Fan des Studio-Ghibli, das bis heute meine Leidenschaft an Anime geprägt hat, kann ich diesen Film anderen Fans nur wärmstens empfehlen.
Der Film "Kimitachi wa Dou Ikiru ka" hat viele Elemente, die mir aus anderen Filmen des Entwicklerstudios bekannt vor kamen; Er erzählt aber trotzdem seine eigene spannende Geschichte. An manchen Stellen empfand ich die Handlung als etwas konfus, was aber auch an meinen mittelmäßigen Sprachkenntnissen liegen kann.
Faizit: Ein Muss für Studio-Ghibli Fans.
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