Anime in Deutschland – 10 Jahre nach dem Crash

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Anime in Deutschland – 10 Jahre nach dem Crash

Das Jahr 2008 war ein bewegtes Jahr in der deutschen Geschichte des Anime, allerdings kein gutes: Einbrechende Verkaufszahlen, auch durch illegale Downloads und Streams, führten zum Rückzug von Red Planet und Tokyopop aus dem Anime-Markt. Da sich die Lage vieler Publisher, teils trotz massiver Preissenkungen, nicht besserte, verabschiedete sich 2009 auch Panini aus dem Anime-Markt, während OVA Films und SPVision in die Insolvenz schlidderten und auch ADV Films und Beez den Crash nicht überlebten.Anders erging es hingegen Anime Virtual: Der Publisher wurde durch die japanische Verlagsgruppe Shougakukan-Shuueisha übernommen und konnte sich, auch dank einiger gut ausgewählter Lizenzen (z. B. Dragon Ball Z, One Piece und die Filme zu Detektiv Conan) während und nach der Krise am Markt behaupten.
Andere Akteure betrachteten das Verschwinden mehrerer etablierter Anime-Publisher als Chance und so versuchten sowohl neue, als auch etablierte Filmvertriebe ihr Glück im Anime-Markt. Längst nicht alle hatten damit Erfolg, sondern scheiterten, während andere, wie KSM und Peppermint, inzwischen kaum noch wegzudenken sind.

Der physische Markt in Deutschland:

Während die Verkaufszahlen und Umsätze Geschäftsgeheimnisse der Publisher bleiben, lässt sich die Entwicklung des Marktes zumindest an der Menge der in Deutschland auf DVD und Blu-ray veröffentlichten Anime visualisieren:
Diagramm 1
Ohne Neuauflagen, Remaster und Hentai.[1]

Die 2007/8 begonnene Talfahrt des Anime-Marktes war erst im Jahr 2010 beendet – und auch die Jahre danach blieben schwierig. So auch 2013: Das Jahr, in dem im April RTL2 sein Anime-Programm komplett absetzte
Doch danach ging es in Deutschland steil bergauf: 2016 sind mehr neue Anime auf den Silberscheiben erschienen, als in der Zeit vor der Krise. 2018 wurde sogar die Zahl von 1.000 für Anime-DVDs und Blu-rays neu synchronisierten Episoden überschritten und rund 440 Stunden Anime veröffentlicht. Das entspricht rund 5 % aller deutschen DVD-/Blu-ray-Neuerscheinungen[5].

Was sind Gründe dafür?
  • Fans, die bereit sind für gute Produkte auch gutes Geld auf den Tisch zu legen. Egal ob nun für einfache Standard-DVDs oder -Blu-rays oder für hochwertige Sonderausgaben mit Sammelschubern, in Metallverpackung oder mit verschiedenen Extras
  • ProSiebenMaxx, das seit September 2013 wieder Anime am Nachmittag zeigt und seit Februar 2014 auch einen Platz für FSK16-Anime im Spätprogramm geschaffen hat
    Der Sender hat nicht nur neue Anime-Synchros in Auftrag gegeben, sondern auch die Bekanntheit vieler Titel gesteigert – und unterstützt durch Lizenzgebühren die Produzenten Deutschland und Japan.
  • legale Streamingdienste, die immer mehr Zuschauer erreichen und mit dem „Virus Anime“ infizieren – und über Werbung oder Abo-Gebühren ebenfalls zur Deckung der Produktionskosten beitragen
Dennoch gilt: Eine Erfolgsgarantie für Anime gibt es nicht – und gab es nie. Oft entpuppt sich erst nach der Veröffentlichung, ob der lizenzierte Titel für den Publisher zum kleinen oder großen Erfolg wird – oder aber als finanzieller Fehlschlag verbucht werden muss. Einige Anime kamen sogar nur auf dreistellige Verkaufszahlen.
Die einzige erwähnenswerte Disc-Veröffentlichung ohne deutsche Synchronfassung war 2018 „Das Verschwinden der Yuki Nagato“.

Der Streaming-Markt in Deutschland:

Der in der obigen Grafik nicht berücksichtigte Streaming-Markt entwickelt sich sogar noch wesentlich schneller als der physische Markt, denn Simulcasts, also die fast zeitgleiche Veröffentlichung in Japan und Deutschland, gibt es regelmäßig erst seit 2013. Doch in diesem Jahr veröffentlichte allein Crunchyroll in Deutschland mehr Anime (mit Untertiteln) als physische Erstveröffentlichungen[1] aller anderen Anbieter zusammenaddiert. Anime on Demand hat sich entschieden, die Serverkapazitäten auf 40 Gbit/s zu erhöhen (2016: 500 Mbit/s), um mit den Nutzerzahlen mithalten zu können[2]. Netflix hat sich für zahlreiche Anime (fast) weltweite Exklusivrechte gesichert und wird für diese Titel aller Voraussicht nach 2018 über 100 Stunden deutsche Synchronisationen veröffentlichen – und damit mehr als in den Jahren zuvor zusammenaddiert. Gleichzeitig lizenziert der Anbieter regelmäßig hochkarätige Titel von den hiesigen Disc-Publishern und gab allein in den letzten Wochen mehrere neue Anime-Produktionen in Auftrag. Auch Wakanim, Watchbox, Amazon und Animax on Demand mischen kräftig im deutschen Anime-Streamingmarkt mit, sowie einige kleinere Anbieter.
Ein Meilenstein: Erstmals haben Netflix (z. B. Devilman Crybaby, Violet Evergarden) und Anime on Demand (Comic Girls) ausgewählte Anime zeitgleich zur japanischen Veröffentlichung auch mit deutscher Synchronisation angeboten.
Sammler, die Anime auf Blu-ray bevorzugen, müssen aber keine Angst haben: Einige auf den Streaming-Plattformen erfolgreiche Titel wurden bereits auf Disc veröffentlicht und weitere Veröffentlichungen wurden bereits angekündigt.

Der Kino-Markt in Deutschland:

Nachdem Anime in den letzten Jahren nur selten im Kino zu sehen waren, hat sich der Markt inzwischen gewandelt. Neben dem jährlichen Akibapass-Festival in ausgewählten Städten gab es für Fans 2018 mehr als 15 mal die Möglichkeit in fast allen Teilen Deutschlands Animes auf der großen Leinwand zu sehen. Auch dank der digitalen Kinotechnik konnten oft über 100 Kinos die Filme zeigen, ohne dass für oft nicht mehr als eine Vorstellung eine teure analoge Filmkopie produziert werden musste.
Während „Your Name.“ allein in der ersten Woche auf über 65.000 Besucher[3] (es folgten Zusatzvorstellungen) und einige andere Kino-Events auf zufriedenstellende Besucherzahlen kamen, gab es leider auch Filme, die vor fast leeren Rängen liefen[4].

Ein Blick ins Ausland:

Bedenkt man, wie klein der deutsche Markt noch vor einigen Jahren war überrascht es, dass 2018 im deutschen Handel mehr synchronisierte Anime erschienen sind als in jedem anderen europäischen Land.

Diagramm 2
Synchronisierte Neuveröffentlichungen 2018 auf DVD/Blu-ray nach Ländern[1]

Der Anime-Markt in Großbritannien ist sehr stark vom amerikanischen Markt abhängig: Schließlich übernehmen die Amerikaner nicht nur seit dem Ende der VHS-Ära in fast allen Fällen die Produktion der englischen Synchronfassung, sie sind auch in unzähligen Fällen der eigentliche Lizenzinhaber für die Insel. Die 2017 erfolgte Übernahme des führenden US-Publishers Funimation durch Sony führte jedoch zu erheblichen Änderungen im Vertrieb, durch die zumindest vorerst nur sehr wenige Anime auch physisch den Sprung über den Atlantik geschafft haben. Im Streaming-Markt ist die Verfügbarkeit hingegen kaum eingeschränkt.
Auch wenn in Großbritannien regelmäßig auch Anime ohne englische Synchronfassung veröffentlicht werden, ist deren Anteil sehr gering. Bei Titeln mit eher geringen Verkaufschancen veröffentlichen die Publisher immer häufiger nur noch eine Blu-ray und verzichten aus Kostengründen oder Lizenzproblemen (gleicher Regionalcode wie Japan) auf eine DVD[6].
Anders als in Deutschland gibt es in UK kein nennenswertes Anime-TV-Programm.

Ganz anders hingegen Frankreich: Während deutsche Fans zu DVD-Zeiten teils neidisch nach Westen blickten (z. B. wegen „Gundam Seed Destiny“) werden inzwischen, gerade im Vergleich zu Deutschland, nur sehr wenige Titel synchronisiert. Während jedoch einige Titel zumindest im japanischen Originalton mit Untertiteln auf DVD und Blu-ray veröffentlicht werden (z. B. „Fate/Zero“), wird für manche (z. B. „Die rothaarige Schneeprinzessin“) auf die teurer zu produzierende Blu-ray-Fassung verzichtet. Auf einige beliebte Titel wie etwa „Digimon Tri“ müssen französische Fans hingegen ganz verzichten.
Neben den klassischen Vertriebsmodellen im stationären und Versandhandel gibt es in Frankreich auch DVD- und Blu-ray-Abos, teils sogar über verschiedene Publisher hinweg. Eine weitere Besonderheit ist das große Angebot an Sammlerausgaben in Übergrößen (z. B. „Coffret A4“).
Die Ära der Simulcasts begann in Frankreich bereits im Jahr 2009 im PayTV und wurde später auch aufs Internet ausgeweitet. Heute ist das Angebot im Netz ähnlich umfangreich wie in Deutschland – im Fernsehen jedoch um ein vielfaches umfangreicher. Auch viele alte TV-Klassiker aus den 80er und 90er Jahren sind immer noch – oder wieder – auf Disc erhältlich, ähnlich wie bei uns.

Nochmals deutlich geringer ist das Angebot in Spanien und Italien, zumal dort anders als in Frankreich unsynchronisierte Veröffentlichungen die Ausnahme sind. In beiden Ländern finden sich allerdings auch einige Klassiker, die dort teils vor Jahrzehnten im Fernsehen erfolgreich waren.

Der Streaming-Anbieter Netflix ist hingegen in allen erwähnten Ländern ähnlich aktiv wie in Deutschland und hat für Spanien und Italien dieses Jahr mehr Synchronisationen produzieren lassen als die dort heimischen Publisher zusammen.

Quellen:
[1]: eigene Recherchen, z. T. basierend auf Amazon und spezialisierten Versandhändlern (FR / UK / USA) – alle Zahlen Laufzeit in Stunden ohne Archiv-, TV- und Netflix-Synchronisationen, Remaster und Neuauflagen, Hentai und OmU-Veröffentlichungen. Bei Simuldubs und Kinostarts wurde der Zeitpunkt der DVD-/Blu-ray-Veröffentlichung gewertet. Nur Titel aus Japan.
Die Ausschlusskriterien wurden gewählt, um eine Verzerrung der Statistik zu vermeiden und gleichzeitig eine möglichst nachprüfbare und vergleichbare Datenlage zu schaffen.
[2]: AoD via Facebook
[3]: Meedia
[4]: eigene Beobachtungen und Stichproben der Buchungsportale verschiedener Kinoketten
[5]: 2017: 8.455 Stunden laut FSK-Statistik
[6]: siehe z. B. Blog von Anime Ltd zu Shomin Sample
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Kommentare (31)

Avatar: RocketsSnorlax
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Themenstarter#31
Star SoldierDas mit UK ist blöd, war es doch immer die Alternative zum US Markt.
Die Auswirkungen werden sich zeigen müssen. Zum Glück sind zumindest bei Funimation vergleichsweise viele US-Blu-rays auch Region-B-kompatibel, so dass primär die hohen Versandkosten nerven.
Sentai und Aniplex laufen ja weiterhin meist über MVM (teils auch Anime Ltd), dort ändert sich wenig.
Die Lizenzen von Discotek und Nozomi waren hingegen eh meist viel zu speziell und hatten fast nie eine Chance auf ein UK-Release.
Wie Crunchyroll x VIZ seinen Weg nach UK findet, wird sich erst noch zeigen müssen. Auch ist noch gar nicht klar, welche Titel davon betroffen sind.

Ich kaufe wohl am häufigsten UK-Releases von MVM: Zum einen sind sie teils sehr günstig - zum anderen sind es besonders häufig Titel, bei denen ich keine realistische Chance auf ein DE-Release ausrechne.
Star SoldierDas mit der DVD war abzusehen, warum zwei verschiedene Medien herstellen? Die Marktdurchdringung von BD Playern dürfte inzwischen so hoch sein, dass es keine Probleme mehr geben wird, wenn die DVD generell ausgephast werden würde.
Im englischsprachigen Raum sind es teilweise sogar drei Formate: Blu-ray, NTSC-DVD und PAL-DVD.
Da verschiedene Lizenzgeber allergisch gegen Region-2-NTSC-DVDs sind (die sich problemlos auf japanischen DVD-Spielern abspielen ließen) mussten für UK häufig PAL-Versionen erstellt werden.

DVDs sind jedoch in der Produktion wesentlich günstiger als Blu-rays (wenn man nicht, wie bei SDBD, die Anzahl der Discs stark reduzieren kann), zudem reicht es aus wenn die DVD-Fassung wenigstens einen positiven Deckungsbeitrag erzielen kann: Sprich wenn die zusätzlichen DVD-Verkäufe die Produktions- und Logistikkosten ausgleichen.
Um diese Kosten zu reduzieren ist man in Deutschland häufig dazu übergegangen bei den DVD-Veröffentlichungen auf Sonderverpackungen (z.b. Sammelschuber, Collector's Editions) zu verzichten oder aber DVD- und Blu-ray-Fassung in identischer Verpackung auszuliefern (z.b. mit Aufklebern oder Papiereinleger unterschieden).

Die Logistikkosten sind übrigens der Grund, aus dem in den USA, teils auch Frankreich, DVD+Blu-ray-Combopacks stark verbreitet sind: Es braucht keine doppelte Lagerhaltung und es besteht keine Gefahr, auf einer Fassung "sitzen zu bleiben" (was insbesondere für Sammlerausgaben relevant ist).

@Nyan-kun:
Wir hatten in Deutschland mit Kiznaiver und Fate/Grand Order schon zwei Fälle, bei denen auf die DVD verzichtet wurde - aktuell veröffentlicht Peppermint jedoch auch Nischentitel wieder in beiden Formaten.
Zudem erscheinen, wie schon erwähnt, Sammlerausgaben teils nur noch auf Blu-ray - ebenso Neuauflagen von vorher auf DVD veröffentlichten Serien.
Nipponart hat 2 Titel sogar als SD on Blu-ray veröffentlicht.

Wie hoch die Verkäufe für eine DVD-Fassung sein müssen? Das ist sehr schwierig abzuschätzen. Aber im Grunde stellt sich die Frage bislang auch kaum, denn selbst wenn sich die Blu-ray 2 bis 5 mal so stark verkauft, lohnt sich die DVD eigentlich immer - ansonsten wäre der Titel so schwach, dass man die Kosten für Lizenz, FSK und Synchro grundsätzlich in Frage stellen müsste.
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