Wer man ist, was man liebt oder auch nicht, und wie man sein Leben führt, findet man schon eines Tages heraus, oder?
Ich habe mal gelesen, mysteriös und unscheinbar zu sein, mache einen interessanter in dieser Zeit. Darauf verzichte ich in dieser Kritik gern: „Journal with Witch“ ist für mich jetzt schon Anime des Jahres und es ist verdammt lange her, dass mich ein Anime-Drama so tief berührt, so tief gepackt hat.
Die Geschichte handelt von der fünfzehnjährigen Asa, die ihre Eltern bei einem Autounfall verliert. Fortan wird sie bei ihrer Tante Makio leben, die sie bei sich aufnehmen wird.
Der Zuschauer begleitet Asa als Dreh- und Angelpunkt durch die Menschen in ihrem Umfeld, während sie selbst noch auf der Suche nach sich ist. Immer wieder richtet sie den Blick nach außen, nur um zu begreifen, dass der Weg zu ihr selbst keiner ist, den jemand für sie gehen kann. Es beginnt eine Geschichte über Zusammenleben, Andersartigkeit und Menschen, die letztlich alle ähnliche Fragen und Gefühle in sich tragen und doch ihren eigenen Weg gehen.
Eines dieser thematisierten Gefühle ist innere Leere. Sie ist still, omnipräsent, nicht immer brutal oder laut. Zu gerne schaut man im Außen, was andere haben, meint vermeintlich zu erkennen, woran sich andere klammern oder wie gut andere mit Umständen klarkommen, mit denen man selbst zu struggeln hat. Die Serie zeigt dabei nicht, wie das Leben sein sollte, sondern wie es sich tatsächlich anfühlt, wenn nichts eindeutig ist.
Die Akzeptanz von Unterschiedlichkeit zeigt, dass Nähe auch ohne klassische emotionale Spiegelung möglich und die Bereitschaft zu Beziehung immer eine eigene Entscheidungsfrage ist. Auch sehr erfrischend: Neurodiversität wird nicht erklärt oder gelabelt, sondern einfach gezeigt und dafür schätze ich dieses Werk brutalst.
Die Charaktere funktionieren weiterhin so toll, weil Wahrnehmung eben rein subjektiv ist und bleiben darf: Wenn man weit genug herauszoomt, wird sichtbar, dass in jeder Perspektive eine eigene Form von Wahrheit liegt und Konflikte nicht deshalb entstehen, weil jemand Recht haben muss. Soll auch heißen: Die Figuren handeln aus ihrem inneren Kern heraus und zeigen Verletzlichkeit. Während Asa durch die neue Beziehungserfahrung mit Makio aufgefordert wird, die Beziehung zu ihrer eigen Mutter zu hinterfragen, hockt man als Zuschauer da und fragt sich, an welchen inneren Vorstellungen man selbst noch festhält und nicht loslassen möchte.
Letztendlich ist „Journal with Witch“ ein Werk über menschliches Dasein und die Selbstverwirklichung von Charakteren, die gesellschaftlich nicht unbedingt beklatscht werden und unauffällig ihr Ding machen, die dafür aber die wenigen richtigen Menschen in ihrem Leben haben. Und diese sind alle absolut fantastisch geschrieben und systemisch in ein großes Ganzes verwoben, das ganzheitlich funktioniert. Viel weniger geht es um das, was passiert, sondern darum, wie Menschen Erlebtes in sich ordnen und sich im Spiegel von Beziehungen wiederentdecken, völlig ohne Kitsch oder irgendeiner vorgegebenen Deutungsmoral.
Fazit: Dieser Anime ist großartige Kunst; Es ist Jahre her, dass ein Anime-Drama mich so tief berührt und begeistert hat. Die Geschichte ist wunderschön geschrieben und eine Erfahrung, die richtig unter die Haut geht, wenn man sich ihr hingeben kann. Makio ist zudem eine der stärksten weiblichen Hauptcharaktere, die ich jemals in einem Anime gesehen habe. Kann ich nur uneingeschränkt weiterempfehlen.
Beitrag wurde zuletzt am 31.03.2026 17:51 geändert.

