Ketzer: Tödliches Wissen über die Bewegung der Erde (2024)

Chi. Chikyuu no Undou ni Tsuite / チ。―地球の運動について―

Informationen

  • Anime: Ketzer: Tödliches Wissen über die Bewegung der Erde
    • Japanisch  Chi. Chikyuu no Undou ni Tsuite
      Chi. Chikyū no Undō ni Tsuite
      チ。―地球の運動について―
      Typ: TV-Serie, 25 (~, Gesamt: ~10 h)
      Status: Abgeschlossen
      Veröffentlicht: 05.10.2024 ‑ 15.03.2025
      Season: Herbst 2024
      Staff: Uoto (Original Work), Ken’ichi SHIMIZU (Direction), Masanori SHINO (Character Design), agraph (Music)
      Adaptiert von: Manga
      Webseite: ja X, ja Anime Chi
    • Englisch  Orb: On the Movements of the Earth
      Status: Abgeschlossen
      Veröffentlicht: 05.10.2024 ‑ 15.03.2025
      Publisher: Netflix, Inc.
    • Deutsch  Ketzer: Tödliches Wissen über die Bewegung der Erde
      Status: Abgeschlossen
      Veröffentlicht: 05.10.2024 ‑ 15.03.2025
      Publisher: Netflix, Inc.
    • Synonyme: Chi: On the Movements of the Earth, Blood. About the Movement of the Earth

Inhaltsangabe

Polen im frühen 15. Jahrhundert: Zu dieser Zeit ist das geozentrische Weltbild, bei dem die Erde den Mittelpunkt des Universums darstellt, die vorherrschende Lehrmeinung. Wer eine von diesem Weltbild abweichende Sternenkonstellation erforscht, wird als Ketzer gebrandmarkt und von der Kirche bestraft. Schon beim zweiten Vergehen wird man auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrannt.

Mit gerade einmal zwölf Jahren darf Musterschüler Rafal bereits auf die Universität gehen. Er möchte Theologie, das renommierteste aller Fachgebiete, studieren. An seiner Schule wird er von Lehrern und Mitschülern gleichermaßen gelobt, doch weil er als Waisenkind aufgewachsen ist, kennt Rafal auch die unschönen Seiten des Lebens. Er sieht sich selbst als gewiefter Lebenskünstler, der rational handelt, um weiterhin ein gutes Leben zu führen. Er sagt, was andere hören wollen, und tut, was andere von ihm erwarten, weshalb er aber auch seine Leidenschaft aufgeben muss, um sich voll und ganz dem Theologiestudium zu widmen: Astrologie.

Durch seinen Vormund Professor Potocki trifft Rafal auf den Ketzer Hubert, der wegen verbotener Forschungen festgenommen wurde und nun wieder auf freien Fuß kommt. Hubert betrieb Forschungen über ein Weltbild, bei dem die Sonne den Mittelpunkt des Universums darstellt: das heliozentrische Weltbild. Es dauert nicht lange, bis Hubert richtig ahnt, dass auch Rafal großes Interesse an Astrologie hat und der Wahrheit des Universums auf die Spur kommen möchte. Er bittet Rafal, die Forschungen an seiner Stelle fortzusetzen, doch das ist ein gefährliches Unterfangen, das den Tod bedeuten könnte, sollte die Kirche dahinterkommen. Ist Rafal bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um die Wissenschaft voranzubringen …?

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Avatar: SabriSonneKekslegende
Redakteur
#1
„Chi. Chikyuu no Undo ni Tsuite“ ist wahrscheinlich einer der einzigartigsten Anime, die ich je gesehen habe: das Thema, das Setting, das Storytelling. Dennoch braucht man einen sehr langen Atem für diese Serie…


Zur Handlung
Und das liegt sicherlich an einer einzigen Sache: die Vielzahl der Dialoge.

„Chi.“ ist eine Serie, die von Grund auf sehr viel richtig macht. Mit dem Übergang vom geozentrischen Weltbild hin zum heliozentrischen nimmt sich der Titel ein überraschend ungewöhnliches Thema vor und erzählt die Idee relativ gewinnbringend. Vorkenntnisse zum Thema sind jedoch nicht verkehrt. Auf Charaktere wie Kopernikus oder Galileo Galilei wartet man jedoch vergeblich, konzentriert sich doch die Handlung auf das einfache Volk, was die Handlung noch einmal zusätzlich spannend macht. Nicht irgendwelche Genies sind die Eckpfeiler, sondern der lumpige Bauer oder Mönch, die es im Mittelalter zu tausendfach auf der Welt gab. Und so wie wir selbst heute die Welt betrachten und versuchen wollen zu verstehen, so bekommen wir mit dem gewöhnlichen Volk als Träger der Handlung einen deutlich persönlicheren Bezug. Man hat förmlich das Gefühl, dass vor 600 Jahren tatsächlich solche Menschen in den Himmel geschaut haben und sich die einfachsten Fragen gestellt haben, so wie wir heute. Das gibt der ganzen Thematik eine andere Form von Tiefgang.

Auch der Erzählstil tut dabei sein übriges. Ich möchte wenig spoilern, da sonst die Besonderheit verloren geht, aber ich fand es mal überraschend abwechslungsreich, wenn man nicht der gewohnten immer größer werdenden Gruppe an Helden folgt, die sich unterwegs alle zusammenfinden und dann gemeinsam auf das Ziel hinarbeiten. Auf ein Ziel wird sicherlich hingearbeitet, aber nicht in der üblichen Erzählweise. Und das hebt den Anime deutlich von anderen Titeln ab.
Die letzten beiden Folgen fielen für mich hier leider dennoch ein wenig heraus. Sicherlich hat man zusammenfassendes Ende gebraucht, aber das hätte man besser schreiben können.

Ebenso so schön fand ich es mal, dass das Mittelalter tatsächlich als solches im Setting benutzt wird. Ich gebe zu, ich habe langsam die Nase voll von Fantasy-Welten im Mittelalter-Stil! Umso angenehmer, dass hier das Mittelalter als das benutzt wird, was es tatsächlich war. Es wird wenig geschönt und zeigt den Wissensstand und die Mentalität wunderbar auf. Aufgrund der wenigen Konkurrenztitel sehr erfrischend. Es ist sehr schade, dass im Anime so selten auf das tatsächliche Mittelalter und seine Besonderheiten zurückgegriffen wird, das Potential ist enorm.

Dennoch verschenkt „Chi“ auch einiges von seinem Potential. Und das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Handlung ein einziger Dialog ist. Sicherlich richtet sich der Titel eher an ein erwachsenes Publikum, dennoch hatte auch ich schwer zu kämpfen. Man muss es klar sagen: es gibt Folgen, in denen Charaktere 80% der Szenen in einer Kutsche sitzen und sich unterhalten. Das ist nicht nur schwer zum Zuhören, sondern auch schwer zum Anschauen, da sich das „Bühnenbild“ so gar nicht verändern möchte. Dazu die Tatsache, dass oft debattiert wird und das astrologische Thema nicht für alle gleichermaßen zugänglich ist, macht die Sache nicht wirklich angenehmer und die Konzentration geht leider zu schnell flöten. Es ist natürlich verständlich, dass man bei einem Astronomie-Thema mehr Erklärungen braucht, dennoch hätte man auch leicht auf Alternativen zurückgreifen können. So bekommt man als Zuschauer alles vorgekaut, ohne dass man eine Chance hat, selbst die Situation nachvollziehen zu können, sodass man unweigerlich irgendwann gedanklich abdriftet.

In anderen Folgen hingegen punktet „Chi“ auf ganzer Linie, v.a. wenn unsere Hauptcharaktere vor die Wahl gestellt werden, ob sie zu ihrer Meinung stehen wollen, ungeachtet der Konsequenzen, oder ob sie diese widerrufen möchten. Das sorgt schnell für ein beklemmendes Bauchgefühl. Der deutsche Name der Reihe, „Ketzer“, beschreibt die Idee dahinter deutlich besser und spielt das Thema brutal bis zum Ende durch.

Doch auch der japanische Titel „Chi“ ist hervorragend gewählt. „千“ als Katagana (Silbenkanji) zu verwenden, und nicht als Kanji, macht den Titel überraschend tiefgründig. So kann die Silbe „Chi“ tatsächlich für 3 unterschiedliche Bedeutungen stehen, die alle ihre Relevanz in der Serie und Handlung haben: 血 (Blut), 地(Erde) und 知 (Erkenntnis). Alle diese Wörter vereinen hervorragend das Thema der Serie auf ihre ganz eigene Art und Weise.


Zu den Charakteren
Kommen wir zu einem weiteren Schwachpunkt, und zwar leider die Charaktere. Allesamt keine Sympathiebolzen und Lieblinge. Man hat eher eine rationale Beziehung als eine emotionale und das macht es auf die Länge sehr zäh. V.a. da die Handlung hauptsächlich aus Dialogen besteht.

Dennoch sind alle nachvollziehbar geschrieben. In den Momenten, wo dramatische Entscheidungen anstehen, merkt man dann zwar doch, dass sie einem ans Herz gewachsen sind. Die Charaktermotive sind nachvollziehbar, die Entwicklung ebenso, aber dennoch wird man nie wirklich warm mit ihnen.
Das mag sicherlich am sehr harten Zeichenstil liegen, aber auch das Charakterdesign ist nicht wirklich attraktiv. Nicht, dass ich etwas gegen einen „realistischeren“ Zeichenstil hätte, aber Badeni sieht echt schlimm aus. Rafal in seiner blauen Schuluniform und den gelben Haaren will so gar nicht ins Mittelalter-Setting passen und Draka ist zu androgyn.

Und das Ganze noch mit Synchronsprechern mit sehr speziellen Stimmfarben zu kombinieren, macht die Sache nicht angenehmer. Trotz wirklich hervorragender technischer Leistung aller Beteiligten gibt es wirklich Kombinationen, die man sich nicht lange anschauen kann. Und obwohl ich Nowak für den wahrscheinlich wichtigsten und zentralsten Charakter halte, der die beste Geschichte hat, ist es jedes Mal ein Kampf, wenn Sprecher Kenjiro Tsuda seinen Monolog hält. Technisch hervorragend, aber die Stimmfarbe ist wirklich hart für die Ohren. Und so geht es mir leider bei vielen Figuren. Technisch wirklich nichts zu meckern, aber auf die Länge der Unterhaltungen gesehen stellenweise wirklich untragbar für die Ohren.

Für mich final dennoch ein absoluter Pluspunkt war die Tatsache, dass trotz der offensichtlichen Hauptcharaktere eigentlich ein ganz anderer Charakter die Hauptrolle spielt. Ich möchte hier jedoch nicht zu viel verraten, aber ich finde es immer spannend, wenn ein augenscheinlicher Nebencharakter eigentlich die zentralste Rolle von allen spielt und sein Werdegang das Rückgrat der gesamten Geschichte ist.


Fazit
„Chi. Chikyuu no Undo ni Tsuite“ ist in vielerlei Hinsicht ein sehenswerter Anime. Die Serie nutzt ein Genre, in dem es keine Konkurrenz gibt und macht endlich mal etwas Neues im ganzen Wust aus Fantasy-Anime im historischen Setting. Der Erzählstil ist besonders und obwohl die Figuren keine Sympathiebolzen sind, erfüllen alle gut ihre Aufgabe.

Dennoch tut man sich schwer. Die Handlung ist überfüllt mit Dialogen und machen das Zuschauen für 25 Folgen sehr schwer. So driftet man beim Zuhören und Lesen der Untertitel leider viel zu schnell von der eigentlich sehr starken Handlung ab.
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Avatar: SlaughtertripKeksgott#2
Vor einiger Zeit hat ein Bekannter von mir sich darüber informiert, welche Animes populär und einen Watch wert sind. Er ist normalerweise kein Anime-Gucker, wollte diesem Medium aber eine Chance geben. Gestoßen ist er auf »Elfen Lied«, das auch hier sehr beliebt ist, von über 11.500 Usern gesehen wurde und sich aktuell auf Platz 153 befindet. Mein Bekannter hat diesen Anime nach ein paar Folgen abgebrochen, da ihm das ständige »nyu« der Protagonistin zu kindisch war. Das ist das Problem von vielen Animes, weshalb man sich auch heutzutage kaum traut, zuzugeben, dass man Animes guckt, außer man redet mit Teenagern oder Anfang-20ern. Kaum ein Anime ist frei von Kitsch oder Peinlichem. Dauernd rennen quietschende Lolis rum, um Perverse zu bedienen, die ihre Kindergeilheit befriedigen wollen. Irgendwo gibt es immer Tiermenschen, die nicht »nyu«, sondern »nya« sagen, damit genauso perverse Furrys bedient werden. Mit den vielen Hentai, Harem-Animes und Pantsu-focused Stumpfsinn werden die ganz »normalen« Perversen bedient, also jene, die keinen bestimmten Fetisch haben, sondern sich »nur« lieber an Zeichentrickfrauen als an richtigen Frauen aufgeilen. Ein besonders großes Unding ist die japanische Kawaii-Besessenheit, dass alles niedlich sein muss, egal wie unpassend diese Dinge für den jeweiligen Anime auch sein mögen. Für die Fast-Food-Watcher gibt es pro Season 20 verschiedene Isekai, die immer nach demselben Schema ablaufen und der Tod der Kreativität sind. Fast überall gibt es ausgelutschte Tropen, die man von Jahr zu Jahr immer weniger erträgt, selbst wenn die Tropen selbst gar nicht so zum Fremdschämen sind. Und hier kommt »Chi. Chikyuu no Undou ni Tsuite« ins Spiel.

»Chi« oder »Orb« oder »Ketzer« – was einem persönlich lieber ist – ist zu 100 % befreit von allen oben erwähnten Dingen und einer der wenigen Animes, für die man sich nicht schämen braucht und die man guten Gewissens non-Anime-affinenen Bekannten empfehlen kann. Von der Seriosität her ist er vergleichbar mit Werken von Naoki Urasawa, nur dass hier die Supernatural-Elemente fehlen, die Urasawa-senseis Werke häufig aufweisen. Er ist ähnlich realistisch wie »Vinland Saga« – sogar noch etwas mehr, da letzterer Anime aufgrund des übertrieben starken Thorkell einen etwas unpassenden, aber sehr unterhaltsamen Shounen-Anstrich hat. Beide Animes besitzen jedoch die Gemeinsamkeit, dass die Geschichten auf historischen Ereignissen basieren. Im Falle von »Chi« geht es um die Übergangsphase vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild.

Dieses Thema ist eine absolute Neuheit. Und selbst wenn es unter den Tausenden von Animes tatsächlich noch ein paar Werke, die dieses Thema behandeln, geben sollte, ist es dennoch weitaus kreativer als das, was man sonst so von Season zu Season sieht. Wie oft kann man sich ansehen, dass ein Oberschüler stürzt und auf seinem Love Interest landet? Wie viele Besuche bei Sommerfestivals und wie viele Feuerwerke kann man sich ansehen, bis man halb wahnsinnig wird und glaubt, man verbringt sein gesamtes Leben mit immer denselben Dingen, nur etwas anders verpackt? Und selbst wenn Animes kreativ sein möchten, kommt oft irgendein Blödsinn heraus, den man höchstens in die Nonsense-Comedy-Kiste packen kann, der nur leider nicht zum Lachen ist. »Chi« behandelt nicht nur ein kreatives, sondern auch intellektuelles Thema. Schon alleine aus diesem Grund stößt es den McDonalds-Anime-Gucker ab, was gut ist, denn das ist eine Art natürliche Selektion. Es gibt hier keinerlei Comedy, was ebenfalls gut ist, denn es ist ein ernstes Thema, bei dem es um Leben oder Tod geht. Comedy wäre nur unpassend. Was es aber gibt, ist – *auf die Tags guck* – übermäßige Gewaltdarstellung, Splatter, Horror und andere Dinge, die nicht ganz so gut zu verdauen sind. Damals, im Polen des 15. Jahrhunderts, war das Leben nun mal nicht so einfach. Der Antagonist: die kack Kirche, die heute noch ein Feindbild von vielen Leuten ist, unter anderem von den Eltern der von den Geistlichen vergewaltätigten Kinder.

Der Anime begleitet den jungen Rafal, der schlau genug ist, um zu wissen, wie man sich ein einfaches Leben macht. Man muss einfach nur das tun, was andere Leute von einem erwarten. Er weiß auch, welche Studienfächer hoch angesehen sind, weshalb er das prestigeträchtigste davon auswählt: Theologie. Er interessiert sich aber auch für Astronomie, was damals noch fest in den Händen der Kirche lag. War man ein Ketzer (daher der Name des Animes), wurde man eingesperrt und gefoltert, bis man seine »falsche Meinung« wieder revidiert. Beim zweiten Verstoß wurde man getötet. Rafal ist zwar ein Opportunist, der sehr berechnend vorgeht, doch einem etwas logischeren Weltbild nachzugehen und somit der Wahrheit näher zu kommen, ist sehr verführerisch. Die Astronomie ist für ihn der sündige Apfel, auf den er beißt.

Die Kirche als Antagonist bzw. die Inquisitoren sind die beängstigsten Feinde, gegen die man nicht ankämpfen möchte. Realer Horror ist oft erschreckender als irgendein Fantasy-Gedöns. Doch die Kirche alleine reicht nicht. Es braucht ein Gesicht, und dieses findet sich in Nowak, dem interessantesten Charakter in diesem Anime. Er ist der Untersuchungsbeamte, der den Wahrheitssuchenden auf den Fersen ist. Er ist kaltblütig und hält bedingungslos an den Heiligen Schriften und seiner eigenen Meinung fest. Man fragt sich andauernd, ob er irgendwann sein Weltbild ändern wird, spätestens dann, wenn seine Tochter Jolenta ebenfalls der sündigen Forschung nachgeht.

Dieser Anime macht etwas Unerhörtes. Etwas, das sich noch nie zuvor jemand getraut hat. Etwas, das, in Anbetracht dessen, dass es sich hierbei um eine Erzählung basierend auf wahren Begebenheiten handelt, sogar Sinn macht. Wer diesen Spoiler öffnet, versaut sich damit den ganzen Anime:
In diesem Anime gibt es keinen Protagonisten! Oder um es anders auszudrücken: Die Protagonisten werden ausgetauscht, indem der Fokus auf eine neue Figur gelegt wird, sobald der vorherige Protagonist der Kirche zum Opfer gefallen ist. Auch das hat etwas Ähnlichkeit zu den Werken von Naoki Urasawa. Der erste Protagonist ist Rafal, doch sobald dieser den Freitod wählt, treten der gerissene Badeni und der naive Okgy an seine Stelle. Mit der jungen Jolenta, Nowaks Tochter, ist bald ein Dreierteam gebildet, von dem man glaubt, dass es bis zum Ende bestehen bleibt, doch dem ist nicht so. Es folgen noch Draka und Albert, die leider etwas zu wenig Screentime bekommen. Letzterer basiert auf einer realen Figur, die Nicolaus Copernicus unterrichtet hat. Spätestens hier erkennt man, wie nah dieser Anime an der realen Vergangenheit ist.

Es ist unheimlich spannend, den Figuren dabei zuzusehen, wie sie ein neues Weltbild etablieren möchten und gleichzeitig versuchen, die modernen Forschungen vor der Kirche geheim zu halten. Ein einziger Fehler könnte den Tod bedeuten. Die Charaktere setzen ihr Leben aufs Spiel, nur um der Wahrheit einen Schritt näher zu kommen. Sie stehen für Fortschritt, während die Kirche für Stillstand steht. Und wer an den Lehren der Bibel zweifelt, wird hart bestraft. Im gesamten Anime gibt es nur einen Geistlichen, der ein derart modernes Gedankengut hat, dass er die Möglichkeit in den Raum stellt, dass man manche Passagen aus der Bibel auch anders interpretieren kann. Die meisten anderen sind jedoch sture Böcke. Für manche, die jahrzehntelang ein bestimmtes Weltbild gepredigt haben, ist es auch schwer zu verdauen, wenn sie langsam begreifen, dass sie ihr gesamtes Leben einer Lüge gewidmet haben. Dieser Anime steht für die Konfrontation aus verschiedenen Gesinnungen und den Umgang damit. Es gibt viele niveauvolle Dialoge, die ein kleinwenig Aufmerksamkeit vom Zuseher verlangen. Es sind aber keine ermüdenden Dialoge. Jede Figur hat eine bestimmte Haltung zum Thema und geht auf eine bestimmte Weise damit um. Die einen verteidigen ihren Glauben bis aufs Blut, die anderen möchten von Gott gerettet werden. Andere wiederum philosophieren sich ihre ganz eigene Welt zusammen, und zumindest in ihren Gedanken ist sie wunderschön. Immer wieder jedoch werden diese Dialoge durch das Aufkommen von Gefahr unterbrochen, weshalb hier sowohl Freunde des Ruhigen als auch Freunde schneller und großer Aktionen bedient werden.

Der Zeichenstil ist passenderweise sehr realitätsnah. Manchmal darf man fast schon unheilig epische Shots bestaunen. Es schadet auch nicht, dass dieser Anime eines der besseren Openings der letzten beiden Seasons hat. Kurz gesagt: Die Produktion ist ebenfalls sehr gut.

»Chi« ist einer der wenigen Animes, die man auch jenen, die sonst keine Animes sehen, weiterempfehlen kann. Er verstummt diejenigen, die meinen, Animes seien dummes Kinderzeugs, und er entblößt jene, für die dieser Anime zu hoch ist. Es kommt nicht oft vor, dass man sagen kann: »Dann bist du halt nicht intelligent genug für Animes.« Nur leider ist es wirklich so, dass der Großteil von Animes reiner Blödsinn ist. »Chi« ist eine der wenigen Ausnahmen und sollte unter Denkmalschutz gestellt werden.
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