
SabriSonneRedakteur
#1„Chi. Chikyuu no Undo ni Tsuite“ ist wahrscheinlich einer der einzigartigsten Anime, die ich je gesehen habe: das Thema, das Setting, das Storytelling. Dennoch braucht man einen sehr langen Atem für diese Serie…
Zur Handlung
Und das liegt sicherlich an einer einzigen Sache: die Vielzahl der Dialoge.
„Chi.“ ist eine Serie, die von Grund auf sehr viel richtig macht. Mit dem Übergang vom geozentrischen Weltbild hin zum heliozentrischen nimmt sich der Titel ein überraschend ungewöhnliches Thema vor und erzählt die Idee relativ gewinnbringend. Vorkenntnisse zum Thema sind jedoch nicht verkehrt. Auf Charaktere wie Kopernikus oder Galileo Galilei wartet man jedoch vergeblich, konzentriert sich doch die Handlung auf das einfache Volk, was die Handlung noch einmal zusätzlich spannend macht. Nicht irgendwelche Genies sind die Eckpfeiler, sondern der lumpige Bauer oder Mönch, die es im Mittelalter zu tausendfach auf der Welt gab. Und so wie wir selbst heute die Welt betrachten und versuchen wollen zu verstehen, so bekommen wir mit dem gewöhnlichen Volk als Träger der Handlung einen deutlich persönlicheren Bezug. Man hat förmlich das Gefühl, dass vor 600 Jahren tatsächlich solche Menschen in den Himmel geschaut haben und sich die einfachsten Fragen gestellt haben, so wie wir heute. Das gibt der ganzen Thematik eine andere Form von Tiefgang.
Auch der Erzählstil tut dabei sein übriges. Ich möchte wenig spoilern, da sonst die Besonderheit verloren geht, aber ich fand es mal überraschend abwechslungsreich, wenn man nicht der gewohnten immer größer werdenden Gruppe an Helden folgt, die sich unterwegs alle zusammenfinden und dann gemeinsam auf das Ziel hinarbeiten. Auf ein Ziel wird sicherlich hingearbeitet, aber nicht in der üblichen Erzählweise. Und das hebt den Anime deutlich von anderen Titeln ab.
Die letzten beiden Folgen fielen für mich hier leider dennoch ein wenig heraus. Sicherlich hat man zusammenfassendes Ende gebraucht, aber das hätte man besser schreiben können.
Ebenso so schön fand ich es mal, dass das Mittelalter tatsächlich als solches im Setting benutzt wird. Ich gebe zu, ich habe langsam die Nase voll von Fantasy-Welten im Mittelalter-Stil! Umso angenehmer, dass hier das Mittelalter als das benutzt wird, was es tatsächlich war. Es wird wenig geschönt und zeigt den Wissensstand und die Mentalität wunderbar auf. Aufgrund der wenigen Konkurrenztitel sehr erfrischend. Es ist sehr schade, dass im Anime so selten auf das tatsächliche Mittelalter und seine Besonderheiten zurückgegriffen wird, das Potential ist enorm.
Dennoch verschenkt „Chi“ auch einiges von seinem Potential. Und das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Handlung ein einziger Dialog ist. Sicherlich richtet sich der Titel eher an ein erwachsenes Publikum, dennoch hatte auch ich schwer zu kämpfen. Man muss es klar sagen: es gibt Folgen, in denen Charaktere 80% der Szenen in einer Kutsche sitzen und sich unterhalten. Das ist nicht nur schwer zum Zuhören, sondern auch schwer zum Anschauen, da sich das „Bühnenbild“ so gar nicht verändern möchte. Dazu die Tatsache, dass oft debattiert wird und das astrologische Thema nicht für alle gleichermaßen zugänglich ist, macht die Sache nicht wirklich angenehmer und die Konzentration geht leider zu schnell flöten. Es ist natürlich verständlich, dass man bei einem Astronomie-Thema mehr Erklärungen braucht, dennoch hätte man auch leicht auf Alternativen zurückgreifen können. So bekommt man als Zuschauer alles vorgekaut, ohne dass man eine Chance hat, selbst die Situation nachvollziehen zu können, sodass man unweigerlich irgendwann gedanklich abdriftet.
In anderen Folgen hingegen punktet „Chi“ auf ganzer Linie, v.a. wenn unsere Hauptcharaktere vor die Wahl gestellt werden, ob sie zu ihrer Meinung stehen wollen, ungeachtet der Konsequenzen, oder ob sie diese widerrufen möchten. Das sorgt schnell für ein beklemmendes Bauchgefühl. Der deutsche Name der Reihe, „Ketzer“, beschreibt die Idee dahinter deutlich besser und spielt das Thema brutal bis zum Ende durch.
Doch auch der japanische Titel „Chi“ ist hervorragend gewählt. „千“ als Katagana (Silbenkanji) zu verwenden, und nicht als Kanji, macht den Titel überraschend tiefgründig. So kann die Silbe „Chi“ tatsächlich für 3 unterschiedliche Bedeutungen stehen, die alle ihre Relevanz in der Serie und Handlung haben: 血 (Blut), 地(Erde) und 知 (Erkenntnis). Alle diese Wörter vereinen hervorragend das Thema der Serie auf ihre ganz eigene Art und Weise.
Zu den Charakteren
Kommen wir zu einem weiteren Schwachpunkt, und zwar leider die Charaktere. Allesamt keine Sympathiebolzen und Lieblinge. Man hat eher eine rationale Beziehung als eine emotionale und das macht es auf die Länge sehr zäh. V.a. da die Handlung hauptsächlich aus Dialogen besteht.
Dennoch sind alle nachvollziehbar geschrieben. In den Momenten, wo dramatische Entscheidungen anstehen, merkt man dann zwar doch, dass sie einem ans Herz gewachsen sind. Die Charaktermotive sind nachvollziehbar, die Entwicklung ebenso, aber dennoch wird man nie wirklich warm mit ihnen.
Das mag sicherlich am sehr harten Zeichenstil liegen, aber auch das Charakterdesign ist nicht wirklich attraktiv. Nicht, dass ich etwas gegen einen „realistischeren“ Zeichenstil hätte, aber Badeni sieht echt schlimm aus. Rafal in seiner blauen Schuluniform und den gelben Haaren will so gar nicht ins Mittelalter-Setting passen und Draka ist zu androgyn.
Und das Ganze noch mit Synchronsprechern mit sehr speziellen Stimmfarben zu kombinieren, macht die Sache nicht angenehmer. Trotz wirklich hervorragender technischer Leistung aller Beteiligten gibt es wirklich Kombinationen, die man sich nicht lange anschauen kann. Und obwohl ich Nowak für den wahrscheinlich wichtigsten und zentralsten Charakter halte, der die beste Geschichte hat, ist es jedes Mal ein Kampf, wenn Sprecher Kenjiro Tsuda seinen Monolog hält. Technisch hervorragend, aber die Stimmfarbe ist wirklich hart für die Ohren. Und so geht es mir leider bei vielen Figuren. Technisch wirklich nichts zu meckern, aber auf die Länge der Unterhaltungen gesehen stellenweise wirklich untragbar für die Ohren.
Für mich final dennoch ein absoluter Pluspunkt war die Tatsache, dass trotz der offensichtlichen Hauptcharaktere eigentlich ein ganz anderer Charakter die Hauptrolle spielt. Ich möchte hier jedoch nicht zu viel verraten, aber ich finde es immer spannend, wenn ein augenscheinlicher Nebencharakter eigentlich die zentralste Rolle von allen spielt und sein Werdegang das Rückgrat der gesamten Geschichte ist.
Fazit
„Chi. Chikyuu no Undo ni Tsuite“ ist in vielerlei Hinsicht ein sehenswerter Anime. Die Serie nutzt ein Genre, in dem es keine Konkurrenz gibt und macht endlich mal etwas Neues im ganzen Wust aus Fantasy-Anime im historischen Setting. Der Erzählstil ist besonders und obwohl die Figuren keine Sympathiebolzen sind, erfüllen alle gut ihre Aufgabe.
Dennoch tut man sich schwer. Die Handlung ist überfüllt mit Dialogen und machen das Zuschauen für 25 Folgen sehr schwer. So driftet man beim Zuhören und Lesen der Untertitel leider viel zu schnell von der eigentlich sehr starken Handlung ab.


Chi. Chikyuu no Undou ni Tsuite
Orb: On the Movements of the Earth
Ketzer: Tödliches Wissen über die Bewegung der Erde
Tierra, sangre, conocimiento: Sobre el movimiento de la Tierra
Du Mouvement de la Terre
Il movimento della Terra








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