Tunnel to Summer (2022)

Natsu e no Tunnel, Sayonara no Deguchi / 夏へのトンネル、 さよならの出口

Rezensionen – Tunnel to Summer

Hier findest Du sowohl kurze als auch umfangreichere Rezensionen zum Anime „Tunnel to Summer“. Dies ist kein Diskussionsthema! Jeder Beitrag im Thema muss eine für sich alleinstehende, selbst verfasste Rezension sein und muss inhaltlich mindestens die Kerngebiete Handlung und Charaktere sowie ein persönliches Fazit enthalten. Du kannst zu einer vorhandenen Rezension allerdings gern einen Kommentar hinterlassen.
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Avatar: AsaneKekssammler
V.I.P.
#1
Wie man schon am Titel sehen kann, liegt diesem Film eine Leichtnovelle zugrunde, und je länger und komplexer der Titel, desto verworrener und undurchsichtiger die Gefühle. Titel dieser Art legen es ja nicht darauf an, informativ und geradlinig eine Geschichte zu verfolgen, sondern auf verschlungenen Pfaden auf das Herz des Zuschauers (resp. Lesers) zu zielen. Das ist ja schon bei »Uchiage Hanabi« so, das einige Ähnlichkeiten in der Anlage (alternative Zeitlinien) und im Charakter der Protagonisten zeigt, aber auch bei »Anohana«, das diese Ähnlichkeiten zwar nicht zeigt, dafür ein ähnliches Feeling hinterlässt.

Was »Uchiage« betrifft, gehen die Parallelen noch etwas weiter. Auch hier bei »Tunnel« steht ein Feuerwerk als Wendepunkt der Ereignisse im Vordergrund (welches schon antizipierend den Film einleitet), nämlich das des Natsu-Matsuri, ganz stilecht mit Yukata und klackernden Geta, und beide Male geben sich die Protagonisten eher reserviert und haben mit eher unschönen Familienerlebnissen zu kämpfen, ganz besonders die Mädchen.

Die Personen selber, die diesen Film bevölkern, geben sich ziemlich realistisch, sowohl im Verhalten wie auch in der Abbildung durch die Animationen. Das ist schonmal die halbe Miete. Auch künstlerisch greift man nach den Sternen und erzählt nicht bloß eine Geschichte, man nimmt sich auch ausreichend Zeit für das Innenleben der Charaktere. Um einerseits den Stimmungen und Gefühlen der Protagonisten nachzuhängen, und andererseits subtil ihre fragile Beziehung auszuloten, aber auch dem fein entwickelten Humor ausreichend Raum zu geben. Daher hat man wahrscheinlich auch das extrabreite Bildformat gewählt, damit das alles auch reinpasst.

Diese langsame Erzählweise sollte jedoch nicht dazu verleiten, die Aufmerksamkeit schleifen zu lassen. Man läuft sonst Gefahr, gewisse Details zu verpassen, die wichtig sind für das Verständnis der Charaktere und damit für das Ende des Films. Aber auch, was die Motivation der beiden anbelangt, sich in diese sagenumwobene Höhle zu begeben, und die, so ähnlich sie sich scheinen, darin doch grundlegende Unterschiede aufweisen.

Diese Höhle soll, Gerüchten zufolge, einen Wunsch gewähren, unter dem Preis einer vorschnellen Alterung. Und außerdem ist sie nicht so leicht aufzuspüren; suchen allein reicht nicht, man muss bereit sein, sie zu finden. Kaoru findet sie zuerst. Nachdem die beiden, Kaoru und Anzu, sich auf die übliche stereotype Art nähergekommen sind (Regenschirm!), merken sie recht schnell, daß auch im Leben des jeweils anderen einiges schiefläuft – was sie mit Hilfe der magischen Höhle wieder zurechtbiegen wollen. Und schiefgelaufen ist viel. Sie leidet unter ihren verständnislosen und starrsinnigen Eltern, die ihren Berufswunsch nicht akzeptieren, er unter dem Verlust der kleinen Schwester und einem Säufer als Vater.

Man sollte sich davor übrigens nicht abschrecken lassen: Mit Stereotypen wird hier viel gespielt, und das meist recht hintergründig und auf hohem Niveau. Das Protagonistenpärchen ist ein schönes Beispiel dafür. Sie die kratzbürstige Schöne und er der maulfaule Stoiker. Kurz nachdem sie sich an der Haltestelle kennengelernt hatten, greift der hier zuständige Anime-Standard: Das Mädel wird in seine Klasse transferiert (er am Protagonisten-Sitzplatz hinten am Fenster). Für alle überraschend, nur nicht für den Zuschauer.

So stehen sie also irgendwann vor dem namensgebenden Tunnel und beraten sich über die weitere Vorgehensweise. Hier erweist es sich als Glück, daß man es bei den Schülern fast schon mit Erwachsenen zu tun hat, die von ihrem Hirn Gebrauch zu machen wissen. Sie testen das Phänomen aus, planvoll und systematisch, wie man das bei Oberschülern auch erwarten sollte. Etwa, wieviele Sekunden drinnen wie vielen Stunden draußen entsprechen. Und wie es sich mit dem Handy-Empfang verhält. Das Geheimnis dieser Höhle scheint mysteriöser als gedacht, doch die beiden (speziell Anzu mit diesem entschlossenen Blick, der "omoshiroi" sagt) nehmen die Herausforderung an.

Hier endet der erste Teil der Geschichte, wie ihn der Titel wiedergibt, und als die gemeinschaftliche Erfüllung ihres Herzenswunsches ansteht, beginnt der zweite Teil: "Sayonara". Kaoru unternimmt einen Alleingang, aus gutem Grund übrigens, der ihn durchaus zum Ziel führt, aber ganz anders als erhofft. Mehr erzählen würde zu viel spoilern.

Was mich an diesem Film begeistern konnte, war neben der ruhigen Erzählweise auch der souveräne und virtuose Umgang in symbolischer Bildsprache. Sei es das große Ziel, das die beiden eint und auf das sie zusammen hinarbeiten, sei es die Wendung am Schluss, die andeutet, wie die Sache ausgehen wird, und generell wie sie, wie die beiden Flugzeuge, weit entfernt von allem anderen unbeirrt ihre Bahn ziehen. Nach langem gegenseitigen Abtasten reichen beide sich die Hand, und der Vollmond am klaren Nachthimmel zeugt von Hoffnung und Zuversicht. Als leitmotivische Konstante sorgen natürlich Sonnenblumen, in allen Formen und an allen Orten, und auch der Ort der Handlung, jenes enigmatische Tor zu einer anderen Welt mit grundlegend anderen Zeitverläufen, sollte dem Animefreund bekannt vorkommen, beispielsweise aus »Chihiro«.

Bleibt noch das Phänomen der wundertätigen Höhle. Auch wenn es von Anfang an so inszeniert scheint, als hätten irgendwelche Aliens ihre Hände im Spiel, bleibt das Geheimnis im Dunkeln. Man unternimmt nicht den geringsten Versuch, da irgendwas zu erklären. Schon gar nicht rational. Und das ist wohl das beste, was man machen konnte. Schließlich geht es nicht um Suspense oder Mystery, sondern man behandelt diesen Ort mehr als Objekt oder Device für das, was sich hinter den Wünschen der Protagonisten verbirgt. Es geht also gar nicht um die Problematik von Zeitreisen oder Zeitverschiebungen (die man elegant umschifft), sondern um die Konsequenz des Handelns samt der Frage, was man im Leben wirklich will.

Und damit zu der Erkenntnis, die netterweise nie dem Publikum plakativ aufs Auge gedrückt wird: Man kann nur das zurückerlangen, was verloren gegangen ist. Die Frage ist aber – zu welchem Preis? Diese Frage wird, unter ähnlicher Ignorierung naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten, auch schon in »Toki o Kakeru Shoujo« gestellt, und teilweise auch in »Mahou Tsukai ni Taisetsu na Koto«.

Diese Erkenntnis öffnet zwar die Pforte zu ausladendem Kitsch, macht sie aber zum Glück ganz schnell wieder zu. Zwei oder drei gefühlsgetränkte Insert-Songs muss der Zuschauer ertragen, aber das mindert nicht das Vergnügen, das man an (und mit) den beiden Helden hat. Der Versuch, die Vergangenheit für die Zukunft zu ändern, führt zum Verlust der Gegenwart. Oder anders ausgedrückt:

Be careful what you wish for.
Beitrag wurde zuletzt am 03.07.2023 19:11 geändert.
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